Thelen-Briefe (I) (Marginalien)

(Aus: Muschelhaufen Nr. 31/32-1994)

 

A. V. Thelen schrieb gerne (oft ausführliche & originelle) Briefe. Es wäre lohnend, sie zu sammeln und die interessantesten herauszugeben. Viele werden leider verschollen bleiben. Wenige sind veröffentlicht worden (so einer aus Palma vom 23.7.1933, erschienen in FORUM, Maandschrift voor letteren en kunst, Nr. 11/1933, Rotterdam, S. 822-828). Die Mallorca-Jahre in der „Insel des zweiten Gesichts“ wecken Neugier auf die sich anschließenden Jahre beim portugiesischen Dichter Pascoaes. Nur Bruchstücke hat Thelen über diese Zeit veröffentlicht. Vieles wäre seinen Briefen zu entnehmen. Es folgen 3 Auszüge aus einem Brief an die Freunde Ingeborg u. Karl Metsch vom 2.3.1941; im ersten berichtet er von einer Sturmkatastrophe, die Portugal in jenem Winter heimgesucht hatte:

         „...ich hatte an diesem samstag meine zähne wieder mal unter den bohrer einer dentista gehalten, geschlossenen auges, um nicht zum schmerz des fleisches noch die ästhetik zu verletzen, und wagte mich dann gegen vier nach hause, die drei kilometer vom dorf bis zum schloßgut. da sah ich: ein pferd wurde drei meter in die höhe gehoben, urplötzlich vom fleck weg, und es blieb wie ein plattgehauener eierkuchen auf dem pflaster liegen. zugleich prasselte in schweren schlossen der hagel los und trommelte auf meiner baskenmütze das bischen hirn zu mus, was ein mensch während einer naturkatastrophe zu haben scheint. und ich was hast du was kannst du abgebogen von der landstraße in den wald gegen die böen, kaum fähig, mich auf den beinen zu halten. ich umklammerte einen baum, und so gings schrittweise, bis ich merkte, die stehen noch wackeliger als du selbst, und einfach dann drauflos gezogen. zwei stunden fast hab ich gebraucht, oder wars weniger, oder mehr? als ich in pascoaes ankam, fand ich alle eingänge verrammelt und mußte durch die hinterpforte der riesenküche. die köchin, 60, zwei uneheliche kinder, sehr fromm, an hexen glaubend, gegner des dritten reichs, da dies die inkarnation des antichristen, gut kochend wenn sie will und schlecht wenn sie nicht will und leider will sie fast nie mehr, diese alte person mit dem langgezogenen pferdegesicht und statt der weißen berufshaube immer den großen strohhut auf dem kopf, sie schlug die hände vor der plattkasteiten brust zusammen und schrie: jesus, maria, josef, alle heiligen des herrn gottvaters des sohnes und heiligen geistes in ewigkeit herr thelen mein herr und gebieter wie denn, euer excellenz kommen jetzt durch diesen sturm den der himmel schickt für unsere sünden? die weiblichen dienstboten standen bleich und stumm dabei, wäre ein fetter truthahn aus dem topf geflogen wo jeder ihn mausetot glaubte das hätte nicht wunderbarer gewirkt als meine durchnäßte und fast liquidierte person, plötzlich aus allen himmeln gefallen mit dem brausen des heiligen geistes, das das haus erfüllte.

         doch fand ich noch zeit und ein bischen hirnbereitschaft, um dem troß etwa zu sagen: dies ist noch garnichts, ihr guten leute, in meinem lande hat man das jeden tag einmal und keiner kümmert sich drum. nachher werden die toten zusammengekehrt und versteigert, sofern die angehörigen sie nicht reklamieren wegen des begräbnisses, denn so heidnisch wie ihr glaubt geht es da doch noch nicht zu. die köchin: doch müssen sie eingestehen, daß dieser zyklon eine schickung des himmels ist. ich: ja, und nur für sie geschickt. sie sind nicht frei von sünden. sie: heiland, nein, ich habe das sündige fleisch gekannt und büße nun und opfere kerzen und geld, um gott zu versöhnen. ob er mich erhört? ich: solange sie hühner schlachten mit kaltem blut, kann er sie nicht erhören. wir sollen die kreatur achten, ganz gleich ob sie uns als mensch oder als kapaun erscheint.

         die dienerschaft, die bei solchen hintertreppengesprächen meist lacht, wagte nicht, eine miene zu verziehen. und ich mußte abbrechen, denn das wasser troff an mir herunter und ich schwamm in den eigenen schuhen. aber das alles war nichts gegen die nacht, da brüllte es wie aus tausend mörsern, bums bums, und immer zwischen den kurzen sturmstillen das prasseln des hagels und dann wieder schauerlich krachten die bäume und auf die zimmerdecken schlugen die ziegel auf und schon lief das wasser durch alle fugen, tropf tropf auf betten und schränke und bücher. der dichter, weiß vor entsetzen und verzweifelt stöhnend gegen die dummheit der entfesselten natur, schlich mit einer kerze durch gänge und hallen, jeden augenblick gefaßt bzw. nicht gefaßt, mit einer kommode durch das dach zu fliegen auf nimmerwiedersehn, während seine uralte mutter das alles hochdramatisch fand und mich scharf zurechtwies, als ich behauptete, in einem der säle sei noch kein schaden festzustellen... (Damit ist der Bericht über die Schäden an dem feudalen Landgut noch lange nicht zu Ende.)

 

Von anderem Interesse mag eine Stelle dieses langen Briefes sein, in dem Thelen sich über „Napoleon“ äußert. Er übertrug damals das Buch „Napoleon der Antichrist“ seines Gastgebers Teixeira des Pascoaes aus dem Portugiesischen. (Die Einleitung zu diesem Buch erschien noch einmal 1989 als Sonderdruck in bibliophiler Aufmachung bei der Aldus-Presse Reicheneck in 133 numerierten Exemplaren.)

         „...dieses buch napoleon geht hier glänzend. ein franziskanermönch mit übermönchischer intelligenz hat es mit der genesis verglichen und der tragik der biblischen psalmen. ich, ohne das dito übermönchische meines verstandes sehe in dem buch die ganze verzweiflung unseres nicht tintenklecksenden sondern blutrünstigen saeculums, dargestellt und bewiesen am Beispiel des antichristen napoleon. dieser antichrist allerdings durch das prisma von pascoaes gesehen, das ihn zerlegt in die dreifaltigkeit gott-christus-antichristus, das heißt, der widerchrist ist eine phase des christus geworden. darin liegt für mich die bedeutung des werkes, nicht in der (billigen) vie romancée des großen korsen, die natürlich à la pascoaes mit großen gesten geschildert ist. machen wir uns keine illusionen: der große erfolg der biographie geht zum guten teil auf die behandelte figur, nicht ist er ausdruck des verständnisses für das seelische drama des dichters, der sich mit gott und seinem widersacher auseinandersetzt. daß ich nebenbei napoleon nicht verknausen kann, ist ein ständiger stein des anstoßes im verkehr mit dem dichter. er begreifts einfach nicht, was zu erhitzten disputen führt, bis tief in die nacht. ich gehe in diesen gesprächen soweit, daß ich die reale existenz von napoleon als „napoleon“ rundheraus leugne und dieser figur nur noch den mythenwert belasse, den etwa herr hitler heute schon hat, obwohl seine körperlichkeit wie ein alp auf der welt lastet. da diese meine einstellung zum napoleonbuch des dichters für den helden ungünstig, für seinen biographen aber sehr günstig ist, enden die duelle immer mit einem friedfertigen shakehands wie zwischen zwei boxern, die sich elf runden hindurch die fresse blutig geschlagen haben. beatrice sekundiert mir fleißig und habil...“

(Außer der als Sonderdruck erschienenen Einleitung des „Napoleon“ ist Thelens deutsche Übersetzung bisher noch nicht veröffentlicht worden. Zusammen mit Gerard Diels hat Thelen das Buch auch ins Niederländische übertragen; es erschien als „Napoleon. Spiegel van de Antichrist“ 1950 in Amsterdam.)

 

         Mitunter kurios, so zeigt dieser Brief, verlaufen Arbeit und Gespräche mit Pascoaes, manchmal „in seinem schlafzimmer, einer sitzt auf dem bett, der andere auf einem stoß bücher, der dichter hinter seinem kleinen runden schreibtisch verschanzt, umgeben von allen gartengeräten und werkzeugen, die je des menschen auge gesehen, kaum platz dazwischen für das blatt papier und die tinte. thema: die göttliche lüge... daß dabei ganze flaschen tinte umfallen und alles erreichbare versauen, spielt keine rolle, unterbricht nicht einmal merklich das gespräch, vielmehr es gibt anlaß, die irdische wirklichkeit als argument geschickt einzuflechten: wenn diese flasche jetzt nicht gefallen wäre und ich hier kein handtuch hätte, um das alles einigermaßen ungeschehen zu machen, dann... dieses dann muß der andere entkräften, entweder durch selbst etwas kaputt zu machen oder auf den haufen kleider zeigend, die auf einem stuhl aufgetürmt liegen, weil der dichter den bürgerlichen kleiderschrank als zu dogmatisch verachtet und gerne die anarchistische folge des mottenfraßes mit in den kauf nimmt: wenn diese kleider jetzt feuer fingen, dann... und so weiter in ewigkeit amen. und (was) kommt dabei heraus? daß man sich gegenseitig kennen lernt, was bei liebesleuten zum heiligen stande der ehe führt und bei freunden zur vertiefung der freundschaft. und bei einem kleinen übersetzer aus der kleinstadt süchteln im kreise kempen regierungsbezirk düsseldorf zum besseren verständnis dessen, was er übersetzt für mijnheer meulenhoff, der damit erfolg hat und herrn rascher, der peinlicherweise keinen hat...“*)

*) Bezieht sich auf das Paulus-Buch von Pascoaes, dessen niederländische Übersetzung bei Meulenhoff vier Auflagen erreichte, wohingegen die deutsche Übersetzung (1938 im Rascher Verlag) nur einmal herauskam.

*

Thelen-Briefe (II)

Mallorca-Abenteuer

Für alle, die sein Hauptwerk „Die Insel des zweiten Gesichts“ kennen (und es sollte jeder kennen), werden die folgenden Auszüge aus Briefen an den niederländischen Schriftsteller V. A. van Vriesland (1892-1974) von besonderem Interesse sein, berichten sie doch von einigen persönlichen Erlebnissen, die Thelen später in seinem Buch so einmalig ausgestaltete.

(Aus: Muschelhaufen Nr. 38-1999)

 

A.V. Thelen, Palma de Mallorca, 29. August 1931

Poste restante

 

Lieber Herr van Vriesland,

         Sie müssen sich nicht wundern, wenn dieser Brief stilistisch nicht einwandfrei wird. Aber wenn man drei Tage wie ein Halbidiot durch die Stadt gelaufen ist in der brennenden Sonne und sozusagen nichts im Magen hat, dann gehen alle Ambitionen zum Teufel. Die Sache ist nämlich die: wir sind hier unten in ein richtiges Hurenabenteuer hineingeraten. Don Pedros Frau, eine waschechte Vettel, die er sich aus einem hiesigen Bordell aufgeladen hat, hat unsere ganzen Perspektiven zerstört. Wir wußten wohl, daß er mit einer solchen Frau zusammenlebte, daß es aber eine Bordellspezialistin war, haben wir erst hier unten erfahren. Na, die ersten Wochen haben wir uns ruhig verhalten, auch sie war mitunter ganz zahm, meistens aber war die Wohnung eine einzige Strindbergszenerie mit allen Teuflischkeiten und akustischen Begleiterscheinungen. Sie hat auch ein Kind von neun Jahren, das ihr beruflich bald nachfolgen wird. Don Pedro aber findet die Hure ganz nett, sagt, sie sei doch gut gewachsen und auf ihrem Gebiete sehr leistungsfähig. Daß sie weder lesen noch schreiben kann, stört die Beziehungen nach Anbruch der Dunkelheit ja nicht. Wenn's ihm mal zu bunt wurde, hat er ihr den Hals zugehalten, bis sie blau war. Sie wirft ihm das Bügeleisen an den Schädel, schlägt alles kaputt, spuckt ihn an und schimpft wie eben eine Hure schimpfen kann, wenn's eine richtige ist.

         Wir beiden, Beatrice und ich, haben uns natürlich passiv verhalten. Wenn's zu bunt wurde, sind wir weggegangen, zum Erstaunen des Ehepaares, das diese Dinge ganz in der Ordnung findet. Vor drei Tagen aber hat sich der Zorn der Hure auf uns entladen. Wir machten Don Pedro Vorhaltungen wegen der Frau, die das Kind einer Kleinigkeit wegen halb tot getreten hatte. Als die Hure das erfuhr, waren wir bei ihr natürlich erledigt. Innerhalb dreißig Minuten wurden wir mit allem Gepäck aus dem Puff herausgeschmissen. Don Pedro lag mit Herzkrämpfen im Bett und hatte nicht mehr die Kraft, männlich einzuschreiten. Das war spät abends. Wir haben dann fluchtartig eine Pension aufgesucht, wo wir vor jeder Verfolgung sicher waren.

         Und dann sind wir Tag für Tag durch die Straßen gezogen, um eine Wohnung zu finden. Denn möblierte Zimmer gibt es hier nicht. Sobald wir etwas gefunden haben, ziehen wir mit unserem Mobiliar, das zwar nur aus einer Matrazza besteht, ein. Aber das ist für den Anfang immer besser als in einem Puff zu wohnen bei einer gemeingefährlichen Hure. Natürlich, wenn wir die Miete für einen Monat be­zahlt haben, ist unser Geld sozusagen alle. Aber dann haben wir wenigstens ein Dach überm Kopf und können uns weiter bemühen. Nun zum Zweck dieses Briefes. Schreiben Sie bitte ganz offen zurück, was Sie von meinem Vorschlag halten: Werden Sie unter Ihren Freunden oder Bekannten jemanden finden, der gegen die Garantie meiner Übersetzung Ihnen für uns etwa hundert Gulden gibt? Riskieren tut der Mann natürlich nichts, denn wenn das Buch herauskommt, kriegt er sein Geld natürlich zurück. Es ist lediglich eine Art Vorschuß, oder wie man das geschäftlich schon nennt. Natürlich wollen wir unter keinen Umständen, daß Sie sich dieserhalb irgendwie in unangenehme Situationen begeben. Wenn wir das vermuten müßten, würden wir diesen Hurenbrief natürlich nicht schreiben. Aber offen gestanden: das Messer sitzt uns an der Kehle. Wir wissen genau, wielange unsere Peseten noch reichen, und wir gehen so sparsam damit um, daß wir ständig Bauchgrimmen haben, und dazu noch den Körper voller Wanzen aus den miesen Pensionen, die wir uns noch leisten können.

         Für Beatrice ist es am schlimmsten. Der Tod der Mutter hat sie furchtbar erschüttert und gleichzeitig die schlimme Hurensache, das war zuviel. Sie spricht schon ständig von Veronal, und ich habe Mühe, sie von diesem Schritt abzuhalten. Einer Hure wegen werden solche Pülverchen noch lange nicht genommen. Da versucht man es erst auf andere Weise. Mit Stundengeben kann man sich hier über Wasser halten, aber die Schüler merken rasch, daß der Lehrer gleichzeitig Hungerkünstler ist, und dann gehen sie alle laufen.

         Na, ich hoffe, daß doch noch alles gut kommt, und sonst .... Aber vorher drehen wir der Hure gemeinsam ihren schmierigen Hals um, das kann ich Ihnen nur verraten. (Übrigens: als wir damals bei Ihnen scherzweise von einem Puff sprachen, ahnten wir nicht, daß wir mit vollen Segeln in ein solches Unternehmen hineingeraten würden!)

Die Landschaft ist nach wie vor bewundernswert. Aber mit Ameisen und Wanzen im Hemd und einem Röllchen Veronal vor den hurengetrübten Augen sieht man von all der Schönheit natürlich nichts. Und die Sonne macht einen halbverrückt. Sie können sich denken, daß wir angenehme Tage verbringen hier auf der goldenen Insel. Lieber Herr van Vriesland, ich hoffe nur, daß Sie mir diesen Brief nicht verübeln, aber zum Vergnügen schreibt man so etwas nicht. Aber was bleibt einem übrig, wenn man in einen Karneval der Huren hineingerät, der zudem noch von Flöhen und Wanzen vergiftet ist?

[…]

 

Albert Vigoleis Thelen, Palma de Mallorca, Baleares, Carretera de Soller, Torre del reloj (für die Post genügt die Angabe des Schließfaches, das wir nun besitzen: Apartado 112)

9. Oktober 1931

 

Lieber Herr van Vriesland,

         haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 1. Oktober. Ja, wir haben hin und her überlegt, was wohl der Grund Ihres Schweigens sein konnte, und das Richtige haben wir halbwegs vermutet. Das sind ja ganz traurige Dinge, die Sie da berichten müssen. Durch unser nun glücklich überstandenes Hurenabenteuer haben wir zur Genüge erfahren, was finanzielle Schwierigkeiten sind. Deurwaarders en schuldeischers haben uns zwar nicht belästigt, aber trotzdem war es nicht eben prettig, doch davon später.

         Wir haben gestern, als wir Ihren lieben Brief erhielten, hin und her überlegt, wie Ihnen zu helfen ist. Und tatsächlich haben wir einen teuflischen Plan geschmiedet, der Ihnen aus aller Not heraus neue Aspekte für die kommenden Tage bieten wird. – Gewiß, wenn es heute noch biblische Engel gäbe, sicher würde einer Sie nachts aus dem Schlafe schrecken und sagen: Victor Emanuel van Vriesland, steh auf, nimm deine Koffer, den Füllfederhalter, und fliehe nach Palma. – Ja, lieber Herr van Vriesland, das ist unser Plan: kommen Sie zu uns. Nicht auf dem Wege der Flucht, so schlimm ist es vielleicht noch nicht. Aber lassen Sie alles hinter sich, was Ihnen Sorge macht und packen Sie die Koffer für eine balearische Reise. Zehn fette spanische Flöhe sind immer noch nicht so schlimm wie ein Amsterdamer Schuldeischer. Bis hierhin kommt ihnen keiner nach, und wenn doch so ein verfluchter Gläubiger den Mut haben sollte, ihnen zu folgen: haben Sie keine Angst. Wir hetzen ihm eine Hure auf den Hals, dann vergeht ihm alle Lust, länger zu bleiben. Aber Scherz beiseite, es ist tatsächlich eine Lösung für Sie, wenn Sie unserm Rate folgen. Ich werde es Ihnen ganz klar auseinanderlegen, wie wir es ausgedacht haben. Doch vorher muß ich noch berichten, wie es uns nach jenem dunklen Brief weiter erging. Gewiß werden Sie dann unseren Vorschlag ernsthaft erwägen.

         29. August.

         Wir sitzen in der Pension Catalana und halten Kriegsrat. Unsere beiden goldenen Ketten haben wir schon versetzt. Die Pension verschlingt jeden Tag 12 Peseten, noch acht Tage können wir uns halten, dann kommt der Exitus. So geht das weiter, in der Früh stehen wir müde auf, rennen in der brennenden Sonne über die Straßen und suchen eine Etage. Finden natürlich nichts, bis [sich] auf einmal die Aussichten bessern. Wir entdecken eine Wohnung, sehr sehr schön, für 60 Peseten monatlich. Gut, die nehmen wir, es bleiben uns nach der Vorauszahlung der Miete dann noch soviel Gelder, daß wir die ersten Tage was zu fressen haben. Aber der gute Besitzer wünscht als Sicherheit zwei Monate Anzahlung. Wir zucken mit keiner Miene, schlagen zu und versprechen, am anderen Tag unsern Einzug zu halten. Diesen Einzug haben wir natürlich nicht gehalten, der Mann wartet heute noch auf uns. Dann haben wir weiter gesucht. Aber außerhalb der Stadt, wo die Wohnungen billiger sind. Nachher waren wir in Gegenden, wo man nur 30 pst. für eine Etage zahlt, haben auch da nichts gefunden. Was tun? Wir brauchen eine Bude, in der Pension können wir nicht bleiben, das ist zu teuer. Und wir finden nichts. Noch drei Tage können wir uns halten, dann ist alles aus. Beatrice sieht sich weiterhin nach Veronal um, aber das will ich nicht haben. Und wenn ich nach einem Feigenhain Ausschau halte, wo man sich still und friedlich in einer mondbeglänzten Zaubernacht den obligaten Strick um den Hals legt, setzt Beatrice allen Widerstand entgegen. Dieser Uneinigkeit verdanken wir eigentlich das Leben. Feigenhain und Veronal sind Wunschträume geblieben, deren Erfüllung durch Don Antonio, den Oberkellner eines mallorquiner Clubs, zerstört werden. Dieser tapfere Mann besorgt uns ein „möbliertes“ Zimmer bei seinen Kontrabandistenfreunden außerhalb der Stadt.

         Am 8. September, abends 10 Uhr, halten wir feierlich Einzug im „Torre del reloj“. Aber vorher haben wir die Rechnung in der Pension bezahlt, sind mit den restlichen 6 pst. hingegangen und haben ein winzig kleines Spiritusämpelchen gekauft, einen viertel Liter Brennstoff, ein halbes Pfund Zucker, ein Stück Brot und ein Paket spanischen Kakaos. Das sollte unser Abendbrot geben. Das möblierte Zimmer wies folgende Möbel auf: ein schmales Bett mit einer steinharten Sache als Kopfkissen, einen Stuhl und, da die beeldschoone Señora wußte, daß wir als Ausländer die verrückte Angewohnheit haben, uns zu waschen, einen Napf mit Wasser. Beatrice behauptet heute noch, das sei ein Suppenteller gewesen. An weiteren Möbeln waren vorhanden: ein eigenartiges Ding, das wir mit sicherem Instinkt sofort als Kleiderregal erkannten. Und dann nichts mehr. Vorzugspreis 25 pst. im Monat mit Bettwäsche und Licht.

         Heiliger Bimbam, nun kann es losgehen. Wie die Höhlenbewohner haben wir am Fußboden hantiert und das Nachtmahl bereitet, wissen Sie, diese original spanische Schokolade mit Wasser gekocht. Gesoffen haben wir das Zeug nur schluckweise und zögernd. Es schmeckte nach Zimt und Ziegelsteinen. Kakao war nur im Namen enthalten. Dann belassen wir es beim trockenen Brot und sinken wie tot in das einzige namhafte Möbelstück unseres neuen Heimes. (Jedoch in der Früh habe ich, während Beatrice noch schlief, mit dem Mute der Verzweiflung den Pott Kakao ausgetrunken, mit geschlossenen Augen. Und nun sagen Sie selbst: wer ist der Tapferere von uns beiden????)

         Das ist der Anfang unseres Aufstieges aus der Misere. Beatrice findet Schüler für Englisch, die im voraus bezahlen müssen, weil das so Sitte ist (d.h. weil wir sonst nichts zu fressen gehabt hätten), trotz dem geht es uns noch mal vier Tage so dünn, daß es nur zu trockenem Brot und dünnem Tee reicht. Aber dann kommen 40 RM als (schäbiges) Honorar für meinen Holl. Brief*), und wir freuen uns wieder wie die Schneekönige über ein richtiges Essen.

         Und heute geht es uns schon wirklich gut. Beatrice ist schon jetzt sehr geschätzt als Sprachlehrerin, die einlaufenden Peseten reichen aus, im „Turm der Uhr“ nicht fürstlich, aber auch nicht kümmerlich zu leben. Die Wirtin hat uns noch einen richtigen Tisch gegeben, ich selbst habe mit Schnüren kleine Bretter an den Wänden aufgehangen, die die Möbel ersetzen oder besser vortäuschen sollen. Und alles, was sonst anständige Leute in Schubfächern, Schränken und Kommoden liegen haben, hängt an Nägeln an der Mauer. Leider leider ist aber die Bude so klein, daß wir sogar den einzigen Stuhl an die Wand hängen müssen, wenn im Zimmer etwa gekocht oder sonstwie gearbeitet werden muß. Daß das Zimmer keine Decke hat, sondern durch niedrige Wände in einer Art Scheune abgetrennt ist, erhöht wesentlich den Reiz der ganzen Sache.

         Lieber Herr van Vriesland, fangen Sie noch heute an, im kleinsten Ihrer Zimmer willkürlich 100 Nägel in die Wände zu schlagen und räumen Sie alles aus Ihren Möbeln heraus, hängen es auf, wie's gerade kommt, auch die Bücher (allerdings habe ich dafür ein neues Verfahren, das ich Ihnen erst verraten müßte), fangen Sie dann eine große Anzahl Fliegen, Mücken und Motten, die Sie auf die freigebliebenen Stellen der allerdings nur gekalkten Wände verteilen und dann zu blutigem Brei zerquetschen, hängen Sie einen Mülleimer mit fürchterlich stinkendem Inhalt vor das geöffnete Fenster, warten Sie dann, bis der Wind den Duft zu Ihnen hineinträgt, lassen Sie im selben Augenblick unter Ihrem Fenster einige Kinder erwürgen oder schlachten, damit es ein gehöriges Spektakel gibt, vergessen Sie nicht, einiges Ungeziefer leben zu lassen, das um Sie herumbrummt und Sie sticht und beißt: Sie haben dann ein gutes Faksimile unserer spanischen Heimstätte.

         Und dahinein wollen Sie mich locken? sagen Sie jetzt. Nein, Mijnheer, so ist das nicht gedacht. Aber hören Sie weiter zu, wie sich die Sache entwickelt: Der während des Krieges sehr gerühmte toll kühne Kampfflieger Hauptmann Kindermann weilt seit einem Jahr auf der Insel. Er ist in einem Luftgefecht abgeschossen worden und bezieht daher eine Kriegsbeschädigtenrente, von der er hier sehr gut lebt, während sie ihn im Vaterlande schon lange an das berühmte Hungertuch gebracht hätte. Dieser Tapfere nun besitzt Mobiliar für eine ganze (kleine) Wohnung, das er aufgeben muß, da ihn seine Leiden zwingen, den ewigen Frühling in Alikante aufzusuchen.

         Weiterhin: Kindermann hat einen Roman geschrieben, der nach Amerika verkauft werden wird. Das Manuskript muß abgetippt werden und ich habe diese Aufgabe übernommen. Der Handel vollzieht sich nun so, daß ich als Entgelt die Möbel bekomme für die noch zu leistende Arbeit. Beide Parteien sind hochbeglückt über den reibungslosen Verlauf dieses Geschäftes. Und Beatrice hat ebenfalls einige Luftsprünge gemacht (das deckenlose Zimmer gestattet ja solche Extravaganzen) bei dem bloßen Gedanken an eigene Möbel. Hauptmann K. verfügt über ein Bett mit vieler Wäsche, eine Kommode mit sechs Schubfächern, drei von ihm immer wieder sehr gerühmte altmallorquiner Sessel, einen riesigen, einen kleineren, aber doch noch großen Tisch, eine Bettvorlage aus Stroh, einen Sack mit Heizkohle, eine Markttasche, und diverses Küchengeschirr, unter anderem einen Topf, in dem man, wie er schon mehrmals erwähnte, sogar Huhn mit Reis kochen könne. (Könne ... denn gestern hat er sich verraten. Es ist ihm nicht gelungen, dieses Gericht zu machen, der Reis ist drausgelaufen. Aber dieser Fehlschlag hat ihm den Topf fest ins Gedächtnis gehämmert.) Hinzu kommen noch Kleinigkeiten, die zu erwähnen nicht wert sind.

         Nun werden wir den Turm der Uhr mit allen Wohlgerüchen (und einem Locus, der keiner ist, da man es stehend auf einer Planke machen muß) verlassen und uns eine kleine Wohnung suchen im Preise von 30 pst. Die neuen Möbel werden aufgestellt, das Bett aus dem Hause der Hure, das uns ja ebenfalls noch gehört, kommt hinzu, und wir besitzen ein eigenes Haus mit allen Schikanen. Dann brauchen wir nicht mehr eine leere Kiste als Küche zu gebrauchen, keine Stühle mehr an die Wand zu hängen und hoffentlich auch keine lebensgefährlichen Freiübungen auf der Todesplanke zu machen.

         Nun zu Ihnen: überlegen Sie sich einmal, ob es nicht besser wäre, Sie kämen zu uns. Wir würden Ihnen ein Zimmer zur Verfügung stellen, einen der wertvollen Sessel, und Bett und Tisch zum arbeiten. Wenn Sie nämlich Ihre Position beim N.R.C. beibehalten und monatlich an Honorar die Mindestsumme von 40 Gulden beziehen, können Sie hier sehr gut leben. Das Essen, dessen Herstellung Beatrice und ich mit fast gleicher Meisterschaft beherrschen, nehmen wir gemeinsam. Sonst können Sie tun und lassen was Sie wollen. Unter allen Umständen sind Sie dann aus dem ganzen widerlichen Schlamassel heraus, der Ihnen jetzt doch jede Lust und Kraft zum arbeiten nimmt. Hier unten lebt man tatsächlich hundertmal besser als im Norden. Was fangen Sie in Amsterdam mit 40 Gulden an? Hier kriegen Sie 170 pst. dafür, und damit kann man was anfangen. Und Ihre Arbeiten können Sie doch hier unten ebenso schreiben wie in Holland. Wenn es Ihnen dann etwa gelänge, eine Übersetzung zu kriegen, könnten Sie schon große Sprünge hier machen. Alles ist ja so maßlos billig, und das Leben als solches sehr unkompliziert. Gewiß, der Süden hat viele Unerträglichkeiten, aber wenn man sein eigenes Haus hat, ist er sehr viel erträglicher. Heute sind wir froh, daß Don Pedro uns hierhingelockt hat, das Hurenmanöver ist beendigt, hat nur noch novellistische Reize, wir haben trotz allem die Oberhand behalten und hoffen auch weiterhin, daß es klappen wird. Sobald meine spanischen Sprachkenntnisse etwas weiter sind, gebe ich deutschen Unterricht, nebenbei schreibe ich Artikel, die allerdings bis jetzt noch nicht hängen geblieben sind. [...]

 

[Quelle: Letterkundig Museum, Den Haag, T 265 B 1 (van Vriesland)]

(Druckerlaubnis für Muschelhaufen 38/1999)

 

*) Veröffentlicht in: DIE LITERATUR, Monatsschrift für Literaturfreunde, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 33. Jahrgang (1930/31) Nr. 11, S. 645-647

 

 

E.Martin / A.V.Thelen: „Randbemerkungen von „Senjor Tälles“ heißt ein Beitrag mit Briefauszügen in der neuen Muschelhaufen-Ausgabe Nr. 47/48-2007. Diese Texte können Sie allerdings nur in der Printausgabe lesen.

*

 

Metamorphose („Nebenprodukt“ Thelens, 1986)

 

Es waren zwei Streicher des Landes,

die hatten einander so lieb,

sie konnten zusammen nicht kommen,

weil der Zeitstrom gegen sie trieb.

 

So verwandelten sie sich in Dohlen

an einem verschwiegenen Ort,

zu frönen, was Mutter Natur ihnen anbefohlen,

und so fort, und so fort,

und so fort.

 

Ist das die Humanität von heute,

von gestern und ehedem?

Man will, scheint's, nur scheinheilige Leute,

die anderen sind unbequem.

 

(Weiteres folgt demnächst.)

 

 

 

 

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