Lyrik von Werner Helwig
Gedichtfassungen aus den angegebenen Muschelhaufen-Ausgaben.

© Ursula Prause
  


Komm getrost herein, Fremder.
Dieser Stuhl ist für dich.
Auf dem Tisch
steht Essen bereit.
Doch bevor du zulangst
lies über der Tür den Spruch:
Was du zu haben wünschst
kann ich nicht geben.
Was ich geben will
wünschst du dir nicht.
 

(Aus: Muschelhaufen 43)
 
Selbstberatung
   
Wenn man ins Dunkle wirft,
trifft man immer etwas −
drum, wenn du dich anschickst
den Stein zu heben,
lasse Hemmung fließen
in deine zornwütige Hand.
Sonst könnte geschehen,
dass du dein eigenes
Spiegelbild träfest.
Eine Wunde entstünde,
die von nun an der Erinnerung
gehörte − der Vernunft entzogen.
Denn das geleistete Wort
wahrt seine Macht
und tritt in Sicht,
wann es will.
Und sei es
in deinem kostbarsten Augenblick −
denn das WORT
geht aus der Wunde hervor.
 

( Aus: MUSCHELHAUFEN 35)
 
Selbstermutigung
   
Zu schützen sind
die kleinen Dinge,
die im Schatten der großen
ihr Dasein fristen.
Sorglos, aber auch
leicht vergessen,
in ihre eigene
Zartheit verschwindend.
Namenlos oft, und doch
Zeitmomente seltener Art
in sich bergend.
Ihnen nachzulauschen
ist das Mittel
sie zu bewahren.
Das ungekonnte Wahre
vom gekonnt Verstellten
überdeckt − die Gebärde
der Verlegenheit
im Pathos der bestimmenden
Gebärde verwirbelt
und unkenntlich gemacht:
das sind die Fallen,
die der Geist sich selber stellt.
Daran ist vorbeizuglauben,
den echten Gründen offen!
Dieses allein bewirkt
Sicherheit im Miteinandersein.
 

(MUSCHELHAUFEN 29)
 
Regenhymne
  
Regen, Kleid der Felsen, Vlies der Bäume,
Regen, Worfeltuch ohne Ende,
drauf die Tropfenkörner tanzen,
es horcht die Raupe deinem Fall,
flieht von den Wipfeln, schwärzt und stirbt, −
du hochreichendes Spinngeweb
zwischen mir und der Sonne,
Rauch des feuerlosen Gespensterbrandes,
Tropfenhürde, schräg in den Wind gelehnt,
aufgefädeltes Meer zwischen Himmel und Erde,
Regen, Gebirge aus schwarzer Nässe,
Speichelfluss der Elfen
Ahn des grauen Frostes,
Vater der Liebe und der Diebe,
rostendes Sieb, in der Hecke hängend,
Diadem über gebeugte Gräser hingebreitet,
Leimrute todmüder Vögel,
rauhgelber Staub im Erlensumpf,
Vorhang aus lauter Grenzen, Bad des Laubes,
ekler Dunst, den die Hunde bellen,
kettenkrank am feuchten Zaun, Regen, oh Regen,
du zwingender Erlöser
all der warmbunten Musik
in der Fluchthöhle meines Herzens,
komm und spiel mir auf.
 

(Aus: MUSCHELHAUFEN 33/34)
 
In der Honigschleuder
Versuch, sich in die Sprache hinein gehen zu lassen
  
Schlafsüßer Mädchen sirenischen Gesang erhoffend, oben,
wo ich hocke, der Dachdecker am Venusberg, der alte greifenklauige
Fürst der Worte. Druidenfüßig
stelz ich einher, den Lautenkübel, den doppelchörigen
saitendröhnend um den Hals gehängt. Übersichtig und augensperrig,
Rosengeruchs die Herzschachtel voll. Hummerscheren
als Kinnlade, gehörnte
Hasen im Gefolge und eine Menge Volks: verschleierte Gänse
in roten Pantoffeln, Engel mit Dachkändelmäulern, Scheißhaus-
schatzgräber, wahre
mitternächtige Meerwunder. Und in den Wolken
gezäumte Vögel vorm Planetenschlitten.
Da mittendrin, der ich bin, windbehelmt, ein Verkäufer von
honiggebeizten Spinnen, Heuschreckensamen und
Skorpionöl, ein durchlauchter Schratt, zopfbärtiger…
ein Windmüller, Tanzmeister der Läuse, ein Lumpen-
hösler mit vorgewölbtem Bauch, goldmelkend an
den Judasbrüsten der Kunst. Ein Beuteldrescher und Speckhecker,
Frettchengänger der nachtdiebischen Liebe, Leib und Darm
durchweint von weltalter Trauer. Ein langschaubiger
stirnrunzelnder Phantast, Safransammler, Demutling, der den
Löffel zurückholen würde, den man ihm vor die Tür warf
in festlicher Gesellschaft. Ein Hasenjäger mit Jupiters
Vogelhund an der Leine. Wandelnder Traum
eines schlafenden Wolfs. Die Zunge
in Weinlauge gewaschen. Und tiefstens zugetan
der spiegeleulischen, fledermäusischen Mitternacht.
Als ich
den Morgentrunk nahm, fanden sich
zwei abgehauene Schwurfinger im Humpen.
Eckenglurig und winkelschielig ward ich davon,
konnte
von Mittwoch aus beide Sonntage zugleich sehen,
janusgesichtig, außer der Zeit. Aber jetzt,
eingießende Brüstlein der Mädchen, versorgt mir
sonder Befehl des Himmels die Kehle:
ich
will Gesang.

 

(Aus: MUSCHELHAUFEN  33/34)

 

SCHLUSS-GEBET

 

Ruhe am Tage, Ruhe in der Nacht,

Ruhe zu aller Zeit.

Ruhe und Geborgenheit am Tage,

bei Nacht und bei aller Zeit.

 

Schnee über alle Wege, alle Berge,

alle Täler.

Ruhe und Geborgenheit über alle Wege,

alle Berge, alle Täler.

 

Schnee über alle Wälder, alle Meere,

alle Flüsse.

Ruhe und Geborgenheit über alle Wälder,

alle Meere, alle Flüsse.

 

Schnee über meine Hände, meinen Mund,

mein Gesicht.

Ruhe und Geborgenheit über meine Hände,

meinen Mund, mein Gesicht.

 

Ruhe über mein Herz.

Geborgenheit über mein Herz.

Schnee über mein Herz.

 

 

(Aus: WALDREGENWORTE, 1955. © Ursula Prause)


 

 

 

>> zurück zur Seite "Werner Helwig"

>> zur Hauptseite