Werner Helwig und Hans Henny Jahnn

Bücher Werner Helwigs mit oder über Hans Henny Jahnn

 

Hans Henny Jahnn, zusammen mit Werner Helwig:

Neuer Lübecker Totentanz

1931 (in: Neue Deutsche Rundschau, Berlin, S. Fischer)

1954 (Neufassung, mit Musik von Yngve Jan Trede, Rowohlt Verlag, Hamburg)

 

Werner Helwig / Hans Henny Jahnn:

Briefe um ein Werk

1959 (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt)

 

Werner Helwig:

Bei Hans Henny Jahnn auf Bondegaard

1969 (in: Merian-Heft „Bornholm“)

 

Werner Helwig:

Die Parabel vom gestörten Kristall

1977 (v. Hase Koehler Verlag, Mainz; herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur; „Die Mainzer Reihe 44“)

 

Über seine 40-jährige Verbundenheit mit dem umstrittenen Dramatiker, aber vielleicht auch „größten Prosaisten unserer Zeit“ (so W. Muschg 1957) Hans Henny Jahnn, sagte Werner Helwig: „Die nicht nur charakterliche, sondern auch politische Gegensätzlichkeit half mehr eigentlich diese Freundschaft befestigen, als dass sie ihr hinderlich gewesen wäre.“

Bernd Goldmann schrieb in seinem Nachwort zur Parabel vom gestörten Kristall: „[Sie] haben es sich gegenseitig nicht leicht gemacht. Beide waren in ihrer Freundschaft kritisch gegenüber dem Werk und der Person des anderen, ständig bedacht auf Sicherung des Vertrauens und Klärung ihres Verhältnisses. Für beide trifft der Ausspruch aus Helwigs Auf der Knabenfährte zu:

„Wir sind Gefangene der Gegenwart, die schlimm ist, wie keine, die je war. Oh, wenn wir heiter sein könnten! – trotzdem!“

 

1931 arbeiteten Jahnn und Helwig gemeinsam an dem Schauspiel Neuer Lübecker Totentanz.

Inhalt:

Der mittelalterliche Totentanz aus der lübischen St.Katherinenkirche erhält hier eine zeitgemäße Fortsetzung im Reigentanz seiner Figuren, wobei der Gestalt des mythischen Todes ein ihm widerstreitender moderner Tod zugesellt ist, eine Doppelung, die Helwig zufügte.

 

Die Fertigstellung des Stückes, einer Auftragsarbeit für die Lübecker Festspiele, wo es aber nicht aufgeführt wurde*), brachte Jahnn in solchen Zeitdruck, dass er seinen Freund Werner Helwig um Hilfe bat.

 

„Helwig beteiligte sich an den Versen für die das Stück begleitende Kantate und dichtete auch die Eröffnungsstrophe „Ostsee / Weide der Wogen / Auf deinen Triften / grasen die Schiffe. /…“

Auch die Szene auf dem Lettner der Marienkirche sowie die Bühnenanweisung zu maskierten Todesfigur stammen von ihm.“ (Thomas Freeman in seiner Jahnn-Biographie. Insgesamt wird das Stück dort so beurteilt:)

„In Rezensionen und literaturkritischen Untersuchungen ist aufgezeigt worden, dass der Lübecker Totentanz Abschnitte von unvergleichlicher dichterischer Kraft neben anderen enthält, die jämmerlich missglückt sind.“

 

*) Das Stück wurde 1932 vom Norddeutschen Rundfunk in einer Hörspielbearbeitung übertragen. Die erste Theateraufführung fand am 18.1.1963 in Hamburg statt. Das Programmheft enthielt u. a. einen Beitrag von Helwig, worin er über die Entstehungsgeschichte und seinen Anteil am Werk Auskunft gibt.

Einige Überschriften von Rezensionen dieser Aufführung der Hamburger Universitäts-Stdudiobühne:

„Monumentaler Bilderbogen“ (Hamburger Echo), „… und es ist fürchterlich“ (Bergedorfer Zeitung), „Ein Oratorium der Vergänglichkeit“ (Lübecker Nachrichten), „Jahnns ‚Lübecker Totentanz’ ging den Studenten völlig daneben“ (Welt am Sonntag)

 

Um Jahnns großes Prosawerk Fluß ohne Ufer kreisen die Briefe um ein Werk, die Helwig 1959 veröffentlichte. „Wenn Helwig schreibt, sein Briefwechsel mit Jahnn sei so gedacht gewesen, dass er diesen zum Sprechen zwinge, so kann man ihm nur bestätigen, dass ihm diese Absicht in der Tat gelungen ist“, schreiben die Herausgeber Bitz/Schweikert in ihren Kommentaren zu Fluß ohne Ufer III. Dies erreicht Helwig, indem er an einigen Stellen den Schweizer Kritiker C. (eine erfundene Gestalt) auftreten lässt, der sich so provozierend über Jahnn ereifert, dass Helwig ihn „beschwichtigen“ muss, und mit dieser List entlockt er seinem Briefpartner Jahnn „Äußerungen, die von höchster Bedeutung für das Verständnis von Leben, Werk und Stil von Hans Henny Jahnn sind.“ (H.-D. Sander)

 

Es gibt zwei unveröffentlichte Prüfungsarbeiten über den „Briefwechsel Helwig / Jahnn“ (Hamburger Bibliotheksschule, 1966), die u. a. eine Charakteristik der Briefpartner enthalten:

a) Hoppe, Eberhard: „Briefwechsel zwischen Hans Henny Jahnn und Werner Helwig. Teil 1 (1925-1946)“

b) Lankenau, Erika: „Briefwechsel zwischen Hans Henny Jahnn und Werner Helwig. Zweiter Teil. (1946-1959)“

 

Zu dem Beitrag Helwigs Bei Hans Henny Jahnn auf Bondegaard im Merian-Heft Bornholm (1969) schreibt Jochen Meyer in seiner kommentierten Jahnn-Bibliographie (Text + Kritik 2/3, 3. Aufl.): „Diese Stimmungsbilder von Besuchen Helwigs auf Jahnns Bornholmer Bauernhof, insbesondere von Aufenthalten während der Sommermonate 1935 und 1937, kratzen zuweilen – nicht ohne Ironie – ganz sachte am großen Jahnn-Mythos.“

 

Eine „romanhafte Biographie“ wurde Die Parabel vom gestörten Kristall genannt.

              Darin beschreibt Helwig Jahnns ersten Besuch so:

 

„Jahnn ließ Mantel und Hut in der Garderobe und trat schüchtern ein. Meine Stullen überzeugten ihn nicht. Aber den Tee trank er, lobend, wenn ich mich recht entsinne… Dann zeigte ich ihm – auch zeichnend hatte ich mich ja versucht – meine Blätter. Es waren erotische Wunschfantasien. Aber der Suche nach dem Mädchen, das ich nicht fand, hatte ich den Blick auf Knaben gerichtet, die es nicht gab. Auf dem Papier waren beide versöhnt in einer Gestalt…

Dunkelhäutige Hermaphroditen, die Jahnn mit langsamen Interesse betrachtete… Zu meinen Zeichnungen äußerte er nur: Man erreicht die Ausschweifung nie. Ein Satz, den ich später noch oft von ihm hörte. Und weiß Gott, er, was ihn betrifft, hat sie tatsächlich nie erreicht. Das Bürgerliche seines Wesens, eine gewisse pastorenhafte Gravitation seines Charakters hinderten ihn, sie je anders als auf dem Papier zu leisten.“

 

In Jahnns Biographie von Thomas Freeman heißt es dazu:

 

„Zu seiner Überraschung ging Jahnn innerhalb einer Woche auf den Vorschlag ein. Er lernte in Helwig einen hochgewachsenen blonden Jüngling von bemerkenswertem Talent kennen. Helwig zeigte ihm Skizzen hermaphroditischer Knaben, die er damals zeichnete, Jahnn spürte rasch, dass sie verwandte Interessen hatten… Helwig wurde ein glühender Bewunderer Jahnns, obgleich seine Verachtung für die in seinen Augen spießbürgerliche Mittelmäßigkeit der Ugrino-Anhänger … ihn davon abhielt, sich dieser Organisation anzuschließen. Trotzdem begann er auf seinen Fußwanderungen … in Begleitung von Freunden aus der Jugendbewegung Anhänger für Jahnn zu werben. Zu dieser Wandervogelgruppe gehörte der Mulattenjunge Manga Bell. Helwig machte Jahnn mit der Familie Manga Bells bekannt. Jahnn entwickelte im Lauf der Zeit eine tiefe Beziehung zu den Kindern, insbesondere zu dem zwölfjährigen Manga.“

(Den man als Figur später in Jahnns Werken wieder finden kann, in Perrudja, Medea und Straßenecke.)

 

„Helwig porträtiert Jahnns Persönlichkeit mit ihrer ganzen schillernden Widersprüchlichkeit von Verstörung und Güte, Radikalität und Bürgerlichkeit“, schrieb Richard Anders in den „Neuen Deutschen Heften“, und Paul Hübner meinte in einer Rezension: „Ein wichtiger, sehr persönlich gefärbter Bericht zu den Höhen und Abgründen des Phänomens Hans Henny Jahnn… Ein lichtvolles Bild von dem in Schmerzlüsternheit, in Abwehr des Todes als fleischlichem Verfall existierenden Dichter kann auch Helwig, der der Treue genannt wird, nicht zeichnen. Als Zeugenschaft hat das Bändchen für die literarische Szene des Jahrhunderts, für Helwigs Stellung und Bedeutung selbst sowie für die Jahnn-Forschung seinen Rang.“

Von Ernst Johann stammt eine wichtige Rezension (FAZ v. 6.8.77), in der aufmerksam gemacht wird, dass Helwig nur die eine Seite („den ehrbaren Jahnn“) darstellt, während man „die dem Freund abgewandte Seite Jahnns bei Hubert Fichte ergänzen muss“ (und zwar in dessem Buch „Versuch über die Pubertät“).

Erwähnt werden muss auch Karl Krolows Rezension der Parabel, erschienen am 3.9.1977 im „Berner Tagblatt“. Krolow nennt Helwigs Buch „eine literarische Konzeption, die sozusagen blühte, die eine Komposition von Wörtern und Erinnerungen wurde, auch nicht einfach irgendeine bunte Palette, vielmehr die Skala einer Empfindlichkeit, ein Leben in seinen Phänomenen nachzufühlen. Was wir vor uns haben, ist die Leistung einer vielleicht schweifenden, sicherlich aber wunderbar sich erinnernden Sensitivität.“ Er bezeichnet die Parabel als Buch, „das noch in Segmenten die Spannung eines anderen Lebens widerspiegelt.“

 

Helwig über Jahnn

 

Werner Helwig wies in zahlreichen Beiträgen auf Jahnns Schaffen hin, u. a.:

 

„Auf Bornholm lebt ein fast unbekannter Dichter“ (Das Neue, Auswahl zeitgemäßer Stimmen, Hamburg 1947)

 

„Missverständnisse um Hans Henny Jahnn“ (in der Festschrift zum 60. Geburtstag Jahnns, 1954 von der Freien Akademie der Künste in Hamburg herausgegeben)

 

„Ein Neutöner der Sprache. Verstecktes Selbstbildnis“ (FAZ v. 12.6.1954)

 

„Erkundung des Todes. Zum Werk des Dichters H. H. Jahnn“ (National-Zeitung, Basel, (Sonntagsbeilage) v. 9.9.56

 

„H. H. Jahnn – Dichter und Orgelbauer“ (Merkur 11/1957)

 

„Perrudja, der Herr der Welt. Hans Henny Jahnns Roman steht wie ein Gefels in unserer Literatur“ (Die Welt v. 20.12.58)

 

„Der Zeitgenosse aus dem Barock, Zum Tode H.H. Jahnns, des Orgelbauers und Dichters“ (Christ und Welt, 1959)

 

„Zeit seines Lebens einsam. Notwendiger Hinweis auf Hans Henny Jahnns Vermächtnis“ (Kölnische Rundschau v. 19.12.59)

 

„Ein Außenseiter. Über den weltliterarischen Rang des Dichters H.H. Jahnn“ (Stuttgarter Zeitung v. 29.2.60)

„Die Schrecken der Schöpfung“ (Süddeutsche Zeitung v. 5.12.62)

 

„H.H. Jahnn, Perrudja II. Drei Romanfragmente aus dem Nachlaß“ (Neue deutsche Hefte, 1969, Heft 2)

 

„“Die Trümmer des Gewissens – Das Gesamtwerk H.H. Jahnns ist nach Hamburg zurückgekehrt“ (Rheinischer Merkur v. 10.4.1970)

 

„H.H. Jahnn. Oder: Der Glückliche hat keinen Stil“ (FAZ v. 12.9.1972)

 

(Ferner wichtig:

„H.H. Jahnn: [Weitere] Briefe an Werner Helwig“ (Frankfurter Hefte 5/1975)

 

Jahnn über Helwig

 

„Daseinsbeobachtung eines Landstreichers / Zum 50. Geburtstag von Werner Helwig“ (Hamburger Anzeiger v. 13.1.1955)

 

„Werner Helwig und seine >Waldregenworte<“ (National Zeitung Basel v. 27.3.1955)

 

Erik Martin (Auszug aus Muschelhaufen 26 A)

 

Es gibt eine „Arbeitsstelle Hans Henny Jahnn (Edition und Archiv)“. Auf ihrer Website steht (schon seit Jahren!):

„Eine Einzelausgabe des Briefwechsels zwischen Jahnn und Werner Helwig ist in Vorbereitung.“

 

neu „Briefe aus dem 20. Jahrhundert“:

In dieser Rubrik veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 24. Mai 2003 einen interessanten Brief Jahnns an Helwig vom 25.7.59. (Über die literarische Beurteilung Helwigs durch Jan Bürger im anschließenden Kommentar darf man lächeln.)

 

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